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Samstag, 25. April 2020

Meine Faszination für die Tudor-Dynastie - Teil 2: Die Darstellung der "Six Wives of Henry VIII" in TV, Film und Büchern!


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Mittlerweile hege ich schon seit mehreren Jahren eine große Faszination für die Tudors und habe deshalb unzählige Biografien über die die sechs Frauen von Heinrich VIII, vor allem über Anne Boleyn verschlungen. Darüber hinaus komme ich natürlich an keiner Dokumentation vorbei, das gleiche gilt für Serien und Filme. In Literatur, Kunst und Film gibt es regelmäßig neue Werke, die sich mit dieser Zeit beschäftigen. Nicht nur mich scheint das berühmte Königshaus zu faszinieren, weltweit ist eine regelrechte Tudor-Mania entbrannt. Dazu beigetragen hat sicherlich auch die BBC / Showtime Serie "Die Tudors", die sich des Lebens Heinrich VIII und seiner Frauen annimmt und über die ich kürzlich auf meinem Blog berichtet habe. 5 Gründe habe ich euch vorgestellt, die für die Produktion sprechen und auch etwas Kritik an der Serie geübt. Heute möchte ich diese Kritik noch etwas vertiefen, denn in Teil 2 von "Meine Faszination für die Tudor-Dynastie" soll es um die Darstellung der sechs Königinnen in TV, Filmen, aber auch Büchern gehen. Eine Darstellung, die leider nicht immer historisch akkurat ist und wo sich Fakt und Fiktion miteinander vermischen. Wie viele weibliche Regenten teilen auch Heinrichs sechs Frauen das gleiche Schicksal: Sie werden auf Stereotype reduziert und mit bestimmten Labeln versehen. Ich möchte heute hinter die klassischen Stereotype blicken und darauf eingehen, wie diese Frauen von Zeitzeugen beschrieben wurden und wieso ich alle von ihnen faszinierend finde. Vorweg möchte ich gleich so manches Gerücht aus dem Weg räumen: Nein, Anne Boleyn hatte keine sechs Finger, sie hat nicht mit ihrem Bruder geschlafen, um dem König ein Kind unterzujubeln und ihre Schwester spielte überhaupt keine Rolle bei ihrer Hinrichtung. Sie hat nicht für Anne um Gnade gefleht, war in dieser Zeit nicht am Hof von Heinrich VIII anwesend, da sie von dort verbannt wurde, nachdem sie aus Liebe, aber ohne vorherige Erlaubnis der Königin, geheiratet hatte. Wer sein Wissen über Heinrichs zweite Frau nur aus "Die Schwester der Königin" hat, sollte schnellstens eine Biografie zur Hand nehmen. Ich fand den Film damals unerträglich, gerade weil ich zuvor die Tudors gesehen und mich über die wahren Ereignisse informiert hatte. Gregorys Bücher zeigen aber eindrucksvoll, wie eine Reduzierung auf Stereotype funktioniert. Das heißt nicht, dass man ihre Werke nicht mögen darf. Die Romane sind bestimmt unterhaltsam, genauso wie es die Serien sind, aber bitte seht das Gezeigte oder Gelesene als das was es ist: Fiktion.





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Die Darstellung der sechs Frauen in TV, Film und Büchern:


Je tiefer ich in die Geschichte rund um die historischen Persönlichkeiten eingetaucht bin, desto mehr haben mich vor allem die Frauen an Henrys Seite fasziniert, nicht nur aufgrund ihres oft tragischen Lebens. So verschieden die Frauen auch waren, eines eint sie alle: Sie werden auf Stereotype reduziert. Die Geschichte ist voll von diesen eindimensionalen Charakterisierungen, von Frauen, die auf bestimmte Eigenschaften reduziert wurden bzw. immer noch werden und die sechs Frauen bilden das perfekte Paradebeispiel. Catherine of Aragon wird aufgrund ihrer Religiosität gerne als die langweilige Frau an Henrys Seite dargestellt. Anne Boleyn als "Femme Fatale", die den König manipulierte und deren Ziel von Anfang an die Krone war. Jane Seymour als unterwürfige, blasse, fast schon perfekte Frau, derer Henry nur deshalb nicht überdrüssig werden konnte, weil sie zu früh gestorben ist. Beim Gedanken an Anne of Cleves fällt oft die Aussage, dass sie angeblich so hässlich war, dass Henry nicht mit ihr schlafen wollte. Kathryn Howard ist das dumme, naive Mädchen, das nur Interesse an schönen Kleidern und Schmuck hatte, während Katherine Paar zur liebenden Stiefmutter stilisiert wird, die einzige die Henry überlebte. Doch je mehr man sich mit der Geschichte der einzelnen Frauen beschäftigt, umso deutlicher wird: Sie sind mehr als die Labels, mit denen sie über die Zeit hinweg versehen wurden. Sie alle waren komplexe Persönlichkeiten, die über viele Charaktereigenschaften und Facetten verfügten. Keine von ihnen kann auf gut und böse reduziert werden, wie dies oft passiert. So werden Anne Boleyn und Katherine Howard in Büchern, Serien und Filmen gerne verteufelt. Sie bilden die Antagonistinnen, während Jane Seymour oder Katherine Parr zu Heldinnen werden. Anne of Cleves und Catherine of Aragon werden hingegen oft langweilig dargestellt, dabei waren alle Frauen politisch aktiv und haben Dinge vorangetrieben, die ihnen am Herzen lagen.

Zu gerne würde ich eine Serie sehen, die sich genau das zum Ziel setzt: Eine Geschichte, die aus den Augen der Frauen erzählt wird, dabei aber deren komplexen Persönlichkeiten gerecht wird. Phillipa Gregory's Bücher beispielsweise werden dies nämlich nicht. Ich habe zwar alle Serien zu den Büchern gesehen, darüber hinaus auch den Film "Die Schwester der Königin", rege mich aber auch gerne über die Darstellung viele Figuren und den Verlauf der Ereignisse auf. Wie gesagt "Die Tudors" macht da doch noch einen besseren Job, wer aber natürlich ein nuancierteres Bild bekommen möchte, der sollte zu Biografien greifen. Ich kann die "Six Wives of Henry VIII"-Reihe von Alison Weir empfehlen. In jedem Band beschäftigt sie sich mit einer der Frauen von Henry und erzählt deren Geschichte von Anfang bis Ende. Jedoch ist auch ihre Darstellung stellenweise stereotypisch. In Bezug auf Anne Boleyn kann ich euch vor allem "The Life and Death of Anne Boleyn" empfehlen, die bekannteste und ich meine auch meist zitierte Biografie über Anne. Eric Ives macht aber auch einen verdammten guten Job, den Charakter, ihren Aufstieg und die Umstände von Annes Fall einzufangen. Für mich eines der besten Werke über die Tudors. Ich habe im nachfolgenden nun mit Anne Boleyn und Kathryn Howard zwei Königinnen herausgepickt, die über die Zeit ganz besonders verrissen bzw. auch dämonisiert wurden. Alle sechs Frauen ausführlich zu besprechen würde den Rahmen sprengen.



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Die Darstellung von Anne Boleyn - Femme Fatalle:



“Her unusual dark hair and sultry eyes made her stand out--- Anne Boleyn was Tudor England's Angelina Jolie amid a sea of Reese Witherspoons.” - Kris Walderr (Doomed Queens, S. 101)


Am meistens hat mich von den Frauen übrigens bisher Anne Boleyn fasziniert, was auch der Grund ist, wieso ich die ersten zwei Staffeln von "The Tudors" liebe. Jonathan Rhys Meyers und Natalie Dormer sind die perfekten Gegenspieler und die Wendungen, Lügen und Intrigen sind an Tragik kaum zu überbieten. Natürlich entspricht Dormer optisch nicht 1-zu-1 den Beschreibungen Anne Boleyns, die keine blauen, sondern schwarze Augen hatte, doch zumindest bei den Haaren wollte die Schauspielerin keine Kompromisse machen und hat sich diese dunkel gefärbt, um ein markantes optisches Detail widerzuspiegeln. Darüber hinaus wird sie als zierlich mit olivefarbener Haut und einem ovalen Gesicht beschrieben. Oft mit dem Verweis, dass es sich bei ihr nicht um eine der hübschesten Frauen am Hofe handele, sondern ihre Attraktivität ihren Augen sowie ihrem Charisma geschuldet sei. In der Tat entsprach Anne nicht dem Schönheitsideal der damaligen Zeit, wo vor allem blasse und blonde Frauen beliebt waren, sodass sie definitiv aufgefallen sein muss. Anne ist dahingehend mit ihren dunklen Haaren, die eventuell auch leicht rötlich gewesen sein könnten und ihrer Hautfarbe das komplette Gegenteil. Doch wie vieles andere, ist am Ende auch ihr Aussehen ein Mysterium für uns, das genauso zur Faszination über Anne Boleyn beiträgt wie ihr rasanter Aufstieg. "[F]rom the shape of her face to the color of her hair, and her looks described by contemporaries, range from deformed to "not bad looking" to "rivaling Venus" (Bordo 2014:XI) - je nachdem wer für die Beschreibung verantwortlich war und ob es sich dabei um Freund oder Feind Anne Boleyns handelte. Was Verfilmungen anbelangt so macht "The Tudors" in meinen Augen bei der Umsetzung von Annes Charakter einiges richtig (zumindest gilt das ab Staffel 2), was auch der Grund ist, wieso sie die Frau ist, mit der ich mich bisher wohl am meisten befasst habe. Man liefert uns ein Bild, das ihre Stärken (ihren Intellekt, Meinungsstärke, ihr Charisma, das politische Interesse und ihr künstlerisches Talent), aber auch ihre Schwächen (ihre Eifersucht, ihr Temperament, manchmal fast schon Streitlustigkeit und dabei oft unüberlegten, gefährlichen Aussagen) einfängt. Anne ist ein Mensch, wie jeder andere auch. In meinen Augen eine frühe Feministin, die sich nichts hat sagen lassen und ihre Meinung vehement vertrat. Sie hat sich als Henrys Partnerin gesehen, eine Frau, die ihm gleichgestellt ist. Etwas, was am Ende wohl zu ihrem tragischen Schicksal beigetragen hat - ein Schicksal, das der Grund dafür ist, wieso sie noch heute die wohl bekannteste der sechs Frauen ist.




"To us she appears inconsistent – religious yet aggressive, calculating yet emotional, with the light touch of the courtier yet the strong grip of the politician … A woman in her own right – taken on her own terms in a man’s world; a woman who mobilized her education, her style and her presence to outweigh the disadvantages of her sex; of only moderate good looks, but taking a court and a king by storm. Perhaps, in the end, it is Thomas Cromwell’s assessment that comes nearest: intelligence, spirit and courage.” - Eric Ives (The Life and Death of Anne Boleyn)



Anne ist sicherlich nicht die manipulative Frau, die von Anfang an das Ziel hatte, Königin zu werden und die Ehe von Henry VIII und Katherine of Aragon zu zerstören. Aus den historischen Quellen geht eher das Gegenteil hervor: Sie hat lange Zeit nicht auf die Avancen des Königs reagiert, sich für mehrere Monate vom Hof zurückgezogen, um dem König zu entfliehen und das nicht, weil sie irgendeinen Plan verfolgte. Historiker*innen finden keinerlei Hinweise, dass Anne von ihrem Vater und ihrem Onkel - wie uns dies "The Tudors" aber auch "Die Schwester der König" verkauft, auf den König angesetzt wurde. Sie hat keine Strategie verfolgt, um Catherine of Aragon zu ersetzen und selbst Königin zu werden. Sie konnte gar nicht wissen, dass das überhaupt möglich ist, denn vor Anne ist keiner einzigen Mätresse dieser Aufstieg gelungen. Dass sie Henrys Angebot, seine einzige Mätresse zu werden, abgelehnt hat, liegt nicht daran, dass sie einen Plan verfolgte, sondern weil sie gesehen hat, wie diese Stellung den Ruf ihrer Schwester Mary zerstörte. Mary war sowohl die Mätresse des Königs von Frankreich als auch von Heinrich VIII und wurde von beiden recht flott wieder fallen gelassen, als sie ihnen zu langweilig wurde. Während das Leben der Männer unbeschadet weiterging, trifft das auf Mary nicht zu, deren Ruf Schaden trug. Darüber hinaus muss der Kontext betrachtet werden, denn die Machtpositionen sind asymmetrisch: Henry, der als König gewohnt ist alles zu bekommen und Anne, die als seine Untertanin gar nicht Nein sagen kann und irgendwann gezwungen ist seinen Anfragen nachzugeben. Bis heute wird Anne für ihr Verhalten dämonisiert, trägt die alleinige Schuld am Ehe aus mit Catherine of Aragon sowie dem Bruch mit der katholischen Kirche. Henry VIII wird zum Opfer verklärt, dass unter dem Einfluss einer Frau stand und von dieser manipuliert wurde, somit keine Schuld trägt, auch nicht daran, dass er engste Vertraute, wie Moore, zum Tode verurteilte. Traurig, dass wir 2020 immer noch am Klischee des armen Mannes festhalten, der so unter dem Bann einer Frau steht, dass er nicht mehr klar denken kann. Viel eher dürfte die Tatsache das Catherine of Aragon Henry keinen Thronerben schenkte der Grund für dessen Forderung einer Annullierung sein. Zum Bild, dass Anne die Strippenzieherin hinter allem ist, trägt "Die Schwester der König" bei, wo sie als manipulative Lügnerin dargestellt wird, die dem König ein Kind unterjubeln möchte. Greggory zieht dabei vor allem einen Gegensatz zwischen den Schwestern: Anne Boleyn als Antagonistin, Mary Boleyn als Heldin, die am Ende sogar um Gnade für ihre Schwester bittet. Wie oben schon erwähnt: Mit der Realität hat das nicht viel zu tun.



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Es ist aber auch ein Bild, welches auf die Berichte von Eustace Chapuys zurückgehen, der zwar ein Augenzeuge ist, jedoch ein starker Unterstützer von Catherine of Aragon und von dem wir Wissen, dass er bei einigen Ereignissen übertrieben hat oder viele Geschichte nur vom Hören Sagen weitergegeben hat. "Until Chapuys' arrival, the Letters, Papers (...) of the Reign of Henry VIII contain no negative personal reports about Anne (...). As soon as Chapuys arrived, "Madam Anne" became the "concubine", and everything that the pro-Katherine forces saw as dishonourable in Henry's behaviour became the fault of Anne's "pervese and malicous nature" (Bordo 2014:13). Auch "The Tudors" stützt sich auf Chapuys Berichte, weshalb Anne in Bezug auf Catherine als Antagonistin erscheint, während diese die Sympathieträgerin ist. Um es in den Worten von Bordo zu sagen: ""virtous, patient Katherine" versus "self-seeking, impatient Anne"" (ebd.:8f.). Natürlich sollte jedem klar sein, dass dies nur die halbe Wahrheit ist, auch Catherine hat mit ihrer Verweigerung bei der Scheidung einzuwilligen Ambitionen verfolgt und wollte ihren Status als Königin, ein Titel, der ihr von Gott gegeben wurde, nicht aufgeben, egal welche Folgen dies für ihre Tochter bedeutete. Es ist somit wichtig auch bei Augenzeugenberichten zwischen den Zeilen zu lesen, sich in Erinnerung zu rufen, welcher Fraktion der jeweilige Verfasser angehörte, welche Allianzen er schmiedete und wie die Beziehung sich gestaltete. Sowohl Anne als auch Catherine dürften sich am Ende ähnlicher sein, als das in vielen Darstellungen in TV, Film und Büchern wirkt, wo eben mit starken Kontrasten gearbeitet wird.




“No English Queen has made more impact on the history of the nation than Anne Boleyn, and few have been so persistently maligned.” – Joanna Denny in ‘Anne Boleyn: A New Life of England’s Tragic Queen’.



Die echte Anne Boleyn muss hingegen ziemlich beeindruckend gewesen sein. Eine Frau, mit politischen Ambitionen, die schon bevor sie Henry VIII traf in diesem Bereich aktiv war. Ihre junge Jahren verbringt sie an am Hofe von Margarete of Austria und Claude of France, die beide für kulturellen Fortschritt stehen und Anne in vielerlei Weise geprägt haben und am Ende dazu führten, dass sie aktiv die Reformation vorangetrieben und sich auch mit mächtigen Männern anlegte. Natürlich können wir niemals zu 100% wissen, wie Anne wirklich war, hier fehlen uns einfach ihre eigenen Gedanken in Form von Briefen, die ein Einblick in ihr Innenleben geben könnten, jedoch war sie definitiv nicht die Femme fatale und manipulative Aufsteigerin, als die sie häufig dargestellt wird.



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Die Darstellung von Kathryn Howard - Spoiled, naive Girl:



"Katherine’s sexuality has been used as a means to judge other aspects of her character, illustrating the continuing discomfort with female sexuality in our society." (Kizewski 2014:94). 

Bei Kathryn Howard zeigt sich eine Dichotomie in ihrer Darstellung: Entweder ist sie das schuldige, naive, dumme Mädchen, das nicht wusste wie ihr geschieht und sogar als Prostituierte oder leichtes Mädchen bezeichnet wird. Deren einziges Interesse Klamotten, Schmuck und jeglicher Art für Luxus gilt, sich ständig neu verliebt und verzweifelt nach Aufmerksamkeit schreit, die sie dann bei Thomas Culpepper findet - eine Beziehung, die entsprechend dem Bild natürlich romantisiert wird. Besagte Charakterisierung folgt "The Tudors", wo Kathryn oft zum Nervfaktor wird, stellenweise wie ein kleines, trotziges Kind handelt, dem sein Lieblingsspielzeug weggenommen wurde, etwas das ich bis heute schade finde. Da war so viel Potenzial ein Zeichen zu setzen. Tamzin Merchant hat das schauspielerisch solide gemacht, aber sie entspricht sowohl was die Optik anbelangt als auch die Verhaltensweise nicht den Beschreibungen der Königin. Überraschend ist auch, wie erfahren die junge Königin in sexueller Hinsicht in der Serie ist. Kathryn hat Henry verführt, genau wie dies im Film "Henry VIII" aus dem Jahr 2003 der Fall ist. Die Gegenseite stilisiert Kathryn als Opfer sexuellen Missbrauches und als unschuldig Verurteilte. Nie ist sie beides zugleich, immer geht nur eine der beiden Varianten und immer wird sie auf ihre Sexualität reduziert. Die echte Kathryn ist bis heute ein Mysterium, auch weil ihre Handlungen so gegensätzlich ausfallen und wir sie nun mal nicht auf besagte Labels reduzieren können. Historiker*innen rätseln bis heute darüber, was Kathryn angetrieben hat. In meinen Augen ist gerade diese Widersprüchlichkeit menschlich. Wie oft sagen wir etwas und tun dann genau das Gegenteil. Wie oft treffen wir Entscheidungen, die selbst unsere Familie und engsten Freunde überraschen, weil sie eben nicht zu den bisherigen Handlungen passen? "The Tudors" geht bei der Dastellung sogar noch einen Schritt weiter und spannt um das Aufeinandertreffen von Kathryn und Henry einen spannenden Plot: Sie wird, genau wie ihre Cousine Anne Boleyn von ihrer machthungrigen Familie auf den König angesetzt. Was für spannendes Fernsehen sorgt, entbehrt jeglicher Wahrheit, erneut ist das Gegenteil der Fall: Der König wollte sie als Frau und zwar gerade aufgrund ihrer Jugend und Unschuld. Er bezeichnete sie als "his rose without a Thorne".

Erst in den letzten Jahren hat sich das Bild über die Königin gewandelt, viele Historiker*innen zweifeln die Schuld von Kathryn Howard an, verweisen darauf, dass sie gerade einmal 12 oder 13 war, als mächtige Männer sich an ihr vergingen und sie ausnutzen. Heute nennt man das Kindesmissbrauch, ein Wort, welches damals natürlich noch nicht existierte. Dass das Mädchen nicht einmal das 21. Lebensjahr erreichte (ihr genaues Alter ist leider unbekannt, bewegt sich in der Spanne von 17-21), hingerichtet von einem Mann, der schon Mitte 40 war und den sie heiraten musste, wird nun auch mehr Rechnung getragen. Sie war ein Opfer der mächtigen Männer, mit denen sie Tag für Tag verkehrte, ein Mädchen, welches zu Unrecht verurteilt wurde. Die Beziehung mit Culpepper wird in Büchern, Serien oder Filmen natürlich romantisiert, beide werden dort auch intim, doch wie in meiner Rezension von "The Tudors", gibt es dafür historisch keine Hinweise. Keiner von beiden wurde dafür verurteilt, sondern lediglich aufgrund des Gedankens daran. Doch wie könnte Kathryn Howard wirklich gewesen sein? Was zutrifft ist, dass sie den Luxus am Hofe genossen hat und das ist ihres Alters entsprechend naiv war. Ich werfe einfach mal die Frage in den Raum: Welches junge Mädchen würde sich nicht am Anblick der schönen Kleider verlieben und sich über die Geschenke freuen? Sie verhält sich so, wie man dies heute von einem Teenager erwartet.


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Abseits dessen wird sie von Augenzeugen als jemand mit "a pleasing manner an a sunny personality (...) a kind heart, and she was willing to use her influence on occasion to assis those in trouble (...) and her obvious innocence would lay her open to compromising situations" (Weir :434) beschrieben. In meinen Augen wurde Kathryn Howard Teil eines gefährlichen Spieles um Macht, für das sie noch zu jung war, um es wirklich zu verstehen und wo sie gar keine Zeit hatte, die Regeln zu erlernen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dumm war und wir sie auf ein kopfloses, nur an Spaß interessiertem Mädchen reduzieren sollten. Es gibt mehr als ein Anzeichen, dass sie mutig und clever war, so hat sie sich für mehrere Inhaftierte des Towers eingesetzt. Ihr bestreben wird dabei selbst von Chapuys (dem spanischen Botschafter) als "couragous" (ebd.: 439) bezeichnet. Wie alle anderen auch hat sie ihren Einfluss als Frau an der Seite des Königs genutzt und das in dem Wissen, dass das "meddling in Henry's affairs" für ihre Vorgängerinnen tödlich endete. Sie wird als großzügig beschrieben, jemand der vielen Angestellten Land schenkte, aber auch Freunden/Freundinnen eine Anstellung im eigenen Haushalt gewährte, was letztendlich zu ihrem Fall beitrug (Kizewski 2014:90).




Was ist mit den anderen Frauen von Henry VIII?


Auch hier lassen sie wie gesagt bekannte Labels finden. Auffällig bei Catherine of Aragon ist, dass ihre Geschichte bei Filmen über die Tudor-Zeit nur kurz abgehandelt wird. Wir sehen sie selten in jungen Jahren, dies ist nur in der neuen Verfilmung "The Spanish Princess" der Fall, dort wird aus der starken, intelligenten, gläubigen und gütigen Frau eine Lügnerin gemacht, die in der Tat mit Arthur intim wurde und Henry VIII von Anfang an angelogen und manipuliert hat. Man liefert damit die perfekte Entschuldigung für Henrys späteres verhalten. Ich weiß nicht, wie die Serie dazu beitragen soll Catherines Ruf zu stärken, ein Ziel, welches Phillipa Greggory sich doch mit ihren Büchern setzt. Die Darstellung entbehrt erneut jeglicher Fakten. Es gibt keinen Hinweis, dass Catherine of Aragon diesbezüglich gelogen hat, zudem stimmt auch das Alter der Figur in der Serie nicht. Henry war zu diesem Zeitpunkt 10 - 12 Jahre alt und hat so gehandelt, wie sein Vater es von ihm verlangte. Catherine hingegen hat viele Jahre darauf gewartet, endlich seine Frau zu werden. Als sie letztendlich heirateten, war dies Henry's Wunsch. Was wir jedoch tatsächlich von Caterhine of Aragon wissen: dass sie erfolgreich im Namen ihres Mannes als Regentin herrschte, in der Zeit sogar die Schotten geschlagen hat. Damit übertrumpfte sie fast ihren Mann, stahl im wortwörtlich die Show. Das ist eine Episode, die ich doch gerne einmal verfilmt sehen würde. Ich würde gerne auch mehr über Anne of Cleves erfahren, die ebenfalls nur wenig Platz in den Filmen über Henry VIII einnimmt, obwohl sie die einzige ist, die intelligent genug war der Eheauflösung zuzustimmen, dadurch am Ende reich wurde, oft am Hofe zu Gast war und ihren Ex-Gemahl sogar überlebte. Dass sie hässlich ist, stimmt übrigens keinesfalls, Augenzeugen berichten anderes.

Kathryn Paar hingegen war politisch aktiv, hat für ihre Ansichten gekämpft und als erste Frau zwei Bücher in England veröffentlicht. Sie war mehr als nur eine liebevolle Stiefmutter, sondern eine Reformerin. Während Jane Seymour sicherlich nicht die Unschuld vom Lande ist, als die sie immer dargestellt wird, sondern eine Frau mit positiven und negativen Eigenschaften, wie jeder von uns. Antonia Fraser fasst es in ihrer Biografie über die sechs Frauen gut zusammen: "In short, just because Jane Seymour had a symphatetic nature, it did not mean that she was without conventional aspirations." (1992:20). Jane wird oft als langweilig, als unintelligent dargestellt, der perfekte Kontrast zu Anne Boleyn. Darin steckt sicherlich Wahrheit. Sie hat die Bildung genossen, die für Mädchen damals üblich war, trotzdem war sie intelligent genug, um Anne Boleyns Verhalten zu imitieren, als der Henry auf sich aufmerksam wurde. Im Anschluss war sie intelligent genug, konträr zu Anne zu handeln: Sich aus den Angelegenheiten des Königs herauszuhalten, sich öffentliche Kommentare zu verkneifen und dem Idealbild einer Frau des 16. Jahrhunderts zu entsprechen. Ihr rasanter Aufstieg wäre hingegen nicht gelungen, wenn sie keinerlei eigene Ambitionen gehabt hätte. Anders als bei vielen anderen Frauen finde ich die Darstellung von Jane vor allem in "The Tudors" gelungen. Annabelle Wallis macht einen fabelhaften Job Jane Leben einzuhauchen und man bleibt hier zum Großteil an den Fakten, auch wenn mir zu Beginn die politischen Ambitionen etwas fehlen, denn da war Jane sicherlich nicht ganz so unschuldig, wusste sie dank Anne immerhin, dass es tatsächlich möglich ist eine Königin zu ersetzen.

Ich bin froh, dass es immer mehr Historiker*innen gibt, die beginnen die stereotypische Darstellung dieser Frauen zu hinterfragen und die mit einigen Mythen aufräumen und versuchen den Ruf dieser Persönlichkeiten wiederherzustellen. Gerade in Bezug auf Serien und Filmen, aber auch fiktionale Bücher, hat jeder Autor / jede Autorin eine Verpflichtung an die Menschen, deren Geschichte sie erzählen. Wie viele hier über die Jahre dazu beigetragen haben, solche Gerüchte und eindimensionale Abbildungen zu verfestigen, finde ich schockierend. Wie viele die Frauen dämonisiert haben, um sie in ein bestimmtes Narrativ zu pressen, ist grauenvoll. Natürlich wird es nie möglich sein ein Bild zu schaffen, dass komplett den Fakten entspricht, denn in jedem Werk über die Tudors stecken eigene Ansichten des Autors oder der Autorin, die vor allem unsere Zeit widerspiegeln, denn es bleiben Lücken, die gefüllt werden müssen, da es uns nicht möglich ist genau nachvollziehen was die Personen wirklich gedacht oder gefühlt haben. Wir können nun mal nicht in die Köpfe von historischen Persönlichkeiten schauen, somit legt jeder am Ende seine ganz eigene Interpretation der Ereignisse dar und diese ist nie komplett unvoreingenommen. Das ist mein Beitrag sicherlich auch nicht, aber ich habe zumindest versucht auf ein paar der bekannten Klischees anzuspielen und diese zu wiederlegen.



Verwendete Literatur:

Bordo, Susan 2014: The Creation of Anne Boleyn. Massachusetts: Mariner Books
Fraser, Antonia 1992: The Wives of Henry VIII. New York: Vintage Verlag 
Ives, Eric 2005: The Life and Death of Anne Boleyn. Oxford: Wiley-BlackwellW
Kizewski, K. Holly 2014: Jewel of Womanhood. A Feminist Reinterpretation of Queen Katherine  Howard. Dissertations, Theses, &Student Research, Department of History. 73.
Weir, Allison 2007: The Six Wives of Henry VIII. New York: Vintage Verlag.




Welche historischen Persönlichkeiten findet ihr faszinierend?
Lest ihr gerne historische Biografien?



Kommentare :

  1. Hi Nicole,

    danke für die Buchtipps!! Ich bin ja auch ein totaler Fan, weißt du ja sicher mittlerweile :D Daher habe ich mir das Buch direkt auf meine Liste gesetzt - aber mal eine Frage: Wann soll ich die ganzen Doku- und Buchtipps alle anschauen und durchlesen!?!?! So viele tolle Dinge und so wenig Zeit, denke ich manchmal. Aber naja, Bücher und Dokus werden ja nicht schlecht :)
    Liebe Grüße an dich!

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    1. Dankeschön für dein liebes Kommentar Vanessa,
      das freut mich, dass da noch ein paar Bücher für dich mit dabei waren :). Die Frage würde ich dir auch geren beantworten, da habe ich aber für mich selbst auch noch keine Antwort gefunden :D. Ich nutze aktuell die zusätzliche Freizeit für solche Dinge, da durch die digitale Uni halt der lange Anfahrtsweg für mich wegfällt. Da kann ich schon etwas mehr aus einem Tag rausholen :D. Aber ansonsten komme ich da auch nicht ständig zu.

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  2. Hi! Was für ein toller Artikel! Ich wollte zu Catherine Howard einen ähnlichen Post machen, aber das muss ich jetzt gar nicht mehr, du hast wirklich alles gesagt. <3

    Liebe Grüße

    Kat

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    1. Dankeschön für dein liebes Kompliment Kat <3, wobei mich deine Gedanken trotzdem interssieren würde. Am Ende sind solche Dinge ja auch ne Interpretationssache, da man eigene Schlüsse zieht und eigene Ansichten miteinfließen lässt, vielleicht kommst du ja noch auf einen Aspekt zu sprechen, den ich vollkommen vernachlässigt habe? Ich konzentriere mich hier ja auch wieder sehr stark auf ihre Zeit an der Seite von Henry, auch dass ist ja was, was mit der gängigen Darstellung einhergeht: Der Fokus auf ihre Zeit als Ehefrau, dabei waren sie ja auch mehr als das und hatten auch ein Leben vor Henry VIII,teilweise auch noch nach ihm (zumindest im Falle von Anne of Cleves und Katherine Paar). Das hätte bei mir halt leider den Beitrag an Umfang gesprengt :D.

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  3. Das klingt wirklich total interessant und du hast das auch super geschrieben. Ich werde die Bücher direkt mal auf meine Liste schreiben.
    Liebe Grüße
    Luisa von https://www.allaboutluisa.com/

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    1. Dankeschön für dein liebes Kompliment Luisa, das freut mich zu lesen :)

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Ich freue mich wirklich über jedes einzelne Kommentar von euch und versuche auch immer auf euren Blogs zu antworten. Dankeschön <3

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